Atelier der letzten Schreibwerkstatt

Wenn es ein Buch gibt, das du gerne lesen willst, das aber noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.

(Toni Morrison)


In den Schreibwerkstätten steht das Schreiben im Mittelpunkt.

Vielen Dank den Teilnehmenden, dass wir hier einige Ergebnisse veröffentlichen dürfen.


Ein kurzer Textauszug, von Nils

Erinnerungen eines Knopfes

Karla öffnete die Schachtel mit den Knöpfen. Sie hatte alle möglichen Ersatzknöpfe gesammelt, obwohl sie sich an keine Gelegenheit erinnern konnte, bei der sie jemals einen gebraucht hätte. Sie rührte mit dem Finger in den Knöpfen herum, als ihr der große rote Knopf ins Auge fiel. Es war kein besonderer Knopf, Massenware aus Plastik. Einfach nur groß und leuchtend rot mit vier Löchern in der Mitte. Gedankenverloren nahm sie den Knopf aus der Schachtel und versank in ihren Erinnerungen. Es war, als wenn der Knopf selbst zu ihr sprechen würde.

Du weißt noch, wo ich herkomme, oder? Frieda, Deine Lieblingspuppe, hatte von Oma die selbst gehäkelte Weste bekommen, mit 3 großen Knöpfen. Schön leuchtend rot, passend zur Weste. Du warst damals 4 Jahre alt und hast Dich riesig gefreut. Ich weiß gar nicht, wie oft Du Frieda die Weste an- und ausgezogen hast, je nachdem ob Deine Puppe gerade fror oder ob es ihr zu warm war. Oma hatte darauf geachtet, dass die Weste für Dich leicht zu knöpfen war, Du hast das auch gut hinbekommen. Ich fand es immer schön, wie Deine kleinen Finger an mir zogen und drückten, bis ich endlich durchs Knopfloch passte. Frieda musste überall mit hin. Bald war die Weste schmutzig und musste gewaschen werden. Deine Mama war wohl in Eile, jedenfalls bin ich beim Öffnen der Weste abgerissen. Sie versprach Dir, mich nach dem Waschen der Weste sofort wieder anzunähen, aber anscheinend hat sie es vergessen. Irgendwann bin ich dann hier in der Schachtel gelandet. Hast Du Frieda noch und hat sie noch die Weste? Wenn ja, nähe mich doch bitte wieder an!

Karla öffnete ihre Augen wieder. Frieda gehörte jetzt ihrer kleinen Tochter Emma. Die Weste hatte sie allerdings entfernt, weil sie Angst hatte, dass die Kleine einen der verbliebenen Knöpfe verschlucken könnte.


Zwei kurze Textauszüge, von Iris

Trudine

Die Sonne schickte unbarmherzig ihre Strahlen zur Erde. Die Insekten verkrochen sich unter dem Laub, Rehe und Wildschweine suchten die noch verbliebenen, feuchten und schattigen Stellen im Wald auf. Der modrige Geruch der Tümpel leitete sie. Jetzt, in der Mittagshitze, waren sogar die Vögel verstummt.

Trudine, gekleidet in Hose und darüber liegendem Rock, beide von brauner Farbe, setzte geruhsam einen Schritt nach dem anderen auf den Pfad. Ihre Haltung war gebückt.

Ihr Geist war wach, sie vergaß nie ein Wort, das sie von Menschen gehört hatte. So wie die Worte des Hofbesitzers:

„Du verteufeltes Weib, wage es nicht mehr, dich meinen Feldern zu nähern. Von meinem Getreide wirst du dich nicht ernähren! Fass, Hasso, fass dieses liederliche Weib, auf dass sie ewig in ihrem Wald verbleibe.“

Der Hund hatte ihr schwere Bisswunden zugefügt. Aber mit ihren Salben aus Heilpflanzen waren diese in ein paar Wochen ohne Entzündung verheilt.

Sie war nun mit ihren Pflanzen unterwegs, genauer gesagt, mit einem Pulver, zu dem sie drei getrocknete Giftpflanzen mit einem Stein zermahlen hatte. Sie würden ein Lebewesen den Verstand verlieren lassen.

„Hasso komm, Hasso kennst du mich noch?“

Hasso bellte nicht. Trudine hatte ihn mit ihren magischen Augen daran gehindert. Der Hund fraß ihr das Pulver aus der Hand. Hasso lief auf der Stelle Speichel aus dem Maul. Er blickte mit sich wild bewegenden Augen auf Trudine. Jetzt schnalzte diese. Der Hund bellte.

„Hasso fass“, schrie der Bauer.

Hasso sprang. Er sprang zurück, er sprang zur Seite. Dorthin, wo der Bauer stand! Er sprang. Er packte den Bauer an der Kehle und biss zu.

„Dieses verteufelte Weib“, sagte Trudine.


Die Lieben und Leiden des Erich

 Sie fasste mich an, vorsichtig, mit ihren langen, schmalen Fingern. Ihre Haut fühlte sich zart an. Ich mochte ihre Berührungen. Ich wusste, sie liebte mich.

Aus dem Perlmutt einer Muschel war ich, Erich, hergestellt worden und zierte mit zwei Nachbarinnen die schwarze Bluse, die lächerlicherweise noch mit einem Gürtel versehen war. Als ob wir Perlmutt-Knöpfe unsere Aufgabe nicht richtig erfüllen würden!

Karin, so hieß die Trägerin der Bluse, das hatte ich immer wieder von ihrem Freund gehört, liebte die Bluse wegen uns, den Perlmutt-Knöpfen. Vor einiger Zeit hatte sie nämlich gelästert: „Diese ekligen Knöpfe an meinem Jackett. Ich hasse Knöpfe. Könnte nicht alles mit Reißverschlüssen versehen sein? Oder doch mit Perlmutt-Knöpfen!“

Trotzdem hat mich Karin vor zwei Tagen sehr leiden lassen. Ich sah ihren Freund, als er ihr verliebt in die Augen blickte. Seine Hand näherte sich der Bluse. Er griff zu dem Gürtel, öffnete die Schlaufe und zog an ihr. Ich war eingeklemmt in der Gürtelschnalle. Er sah nach Karin, nur nach ihr. Kein Blick für mich. Ich zweifelte, ob ich und die Bluse dies überleben würden. Mein Herz pochte, mein Leib schmerzte. Ich schrie laut, aber niemand hörte mich. Die Fäden, die mich an der Bluse hielten, wollten zerbersten. Ich wünschte mir, sie würden zerbersten, zu schlimm war das Eingeklemmtsein.

Dann stürzte ich zu Boden und Karin ließ sich auf das Bett fallen. Ich rollte wackelig unter das Bett. Dann wurde mir schwarz vor Augen.

Wohl einige Stunden später erwachte ich, als Karin mich betastete. Ihre sanften Finger hoben mich auf. Ich wusste, sie liebte mich.


Drei kurze Textauszüge, von Birgit

Handmixer-Dialog

A:  Nicht schon wieder. Zum 100-ten Mal fällt mir dieser rechte Besen raus…

M: Ich bin halt alt.

A: Die Sahne muss werden, jetzt halt doch endlich fest. Ich muss dieses Teil einfach fest reindrücken.

M: Aua! Es hält trotzdem nicht…

A:  Dann muss ich dich wohl austauschen und recyclen.

M: Hast doch gar kein Geld und zum Elektroschrott ist es viel zu weit. Rühr doch mit einem Besen,          geht auch, dauert nur länger.

A: Die Geburtstagstorte muss heute fertig werden und nicht Morgen.

M: Früher anfangen.

A: Halt die Klappe.

M: Brauchst mich doch.

A: Ich ziehe jetzt das Kabel.

M: Nein!

A: Doch!


Beate

173 cm, schlank, graue Kurzhaarfrisur, sportlich, Brille, Stadtmensch, berufstätig, allein, forsch, nicht nachtragend, erfolgreich.

Die Frau am Tisch Nummer 3. Sie hat sich für die Nr. 37 auf der Speisekarte entschieden. Sie wohnt in Köln; doch immer wieder treibt es sie in ihre Lieblingsstadt Berlin zu ihrem indischen Restaurant.

Sie weiß, dass ihr Tisch in der Oranienburgerstraße frei ist, kennt den Chef persönlich und muss somit keine mühselige Online-Reservierung vornehmen. Sie hat Geburtstag, 53, und möchte diesen Tag allein verbringen.

Sie trägt ihre braunen Lederschuhe mit dem kleinen Absatz und ihre Jeans mit der geblümten Seidenbluse. Kleider kennt sie nicht. Praktisch und teuer muss es sein.

Auch ihr Haarschnitt, kurz, ohne Scheitel kostet sie im Monat 100 Euro, war perfekt. Sie gönnt sich Luxus ohne aufzutragen. Mit ausgestreckten Beinen, die Füße übereinandergeschlagen, die Arme hinter dem Kopf verschränkt lässt sie den Moment vorüberziehen.

Gerüche von den Nachbartischen nach Kardamom, Zimt und Chili lassen sie in Gedanken nach Indien schweifen. Vor 7 Jahren hatte sie eine Reise durch Indien geplant und durchgeführt und hatte sich in Ubud, den smarten Inder mit den dunklen Augen verliebt. Er roch auch nach Kardamom, Zimt und anderen Düften. Beate merkte, dass sie tief ein- und ausatmete. Den Kontakt hatte sie aus Vernunftsgründen abgebrochen und die Affäre über Ländergrenzen beendet. Es war wohl das Lokal, dass sie zum Rückblick animierte.

Die Sonne war heute Abend in Berlin noch sehr intensiv und sie zog ihre CHANEL Sonnenbrille von der Stirn auf ihre Augen, als ihr Handy vibrierte. Eine neue Nachricht.

I miss you darling.


Mr. Brown

Im ICE von Köln nach Frankfurt, erste Klasse Abteil, Dreitagebart, überkämmte Geheimratsecken, graue Schläfen, blau-grau karierter Kaschmirschal, teils versteckt im dunkelblauen Wollmantel, Jeans, graue Lederschuhe, Lederrucksack mit Knirps im Seitenfach, 181 cm groß, Bankertyp, Mr. Brown.

Der gebürtige Engländer ist auf dem Weg zur Deutschen Bank. Geldgeschäfte müssen fließen, sortiert und kontrolliert werden. Er bewies Haltung und wirkte in seinem Bewegungsablauf perfekt. Er hatte es schon oft genug gesagt bekommen. Schnellen Schrittes will er dieses schäbige Bahnhofsviertel, dass seiner Meinung nach so gar nicht zu Frankfurt passte, durchqueren. Der auf den Knien rutschende Bettler, der mit seiner Hand vor 2 Jahren sein Hosenbein berührte und er sich nicht wehren konnte, ekelte ihn heute noch an.

In einer schlaflosen Nacht in seiner Penthouse schaute er über das Westend und ließ seine Gedanken sich verfestigen.

 

Hinterlassen sie einen Kommentar