Kreatives mit allen Sinnen

Liebe Lesefreunde,

wieder einmal hatte wir eine wunderbare Schreibwerkstatt und wieder einmal kamen tolle Geschichten dabei heraus. Die Teilnehmer standen diese Mal vor der Herausforderung, alle Sinne zu nutzen und zu beschreiben.

STOCKFINSER von Nadine Baumann ist eines der Ergebnisse der Schreibwerkstatt im September, einem Einführungskurs zum Thema Kurzgeschichte und Roman. Alle kommenden Schreibwerkstatt-Termine können Sie gerne unserer Homepage entnehmen.

Und nun, viel Freude beim Lesen!

 

STOCKFINSTER

Ida konnte die Hand nicht vor Augen sehen. Es war stockfinster, eine so tiefe Dunkelheit hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nicht erlebt. Modriger Geruch umgab sie wie eine wabernde Hülle. Mit zitternden Händen tastete sie den feuchtkalten Boden ab, auf dem sie erwacht war. Der Untergrund fühlte sich hart an, beinahe wie Beton, aber auch staubig und uneben. Ein Lehmboden? Langsam begab sie sich erst auf die Knie, dann stand sie vollends auf und schwankte auf wackligen Knien, bevor sie es wagte, den ersten Schritt nach vorne zu machen. Sie hielt die Hände weit ausgestreckt vor ihr Gesicht, suchend, hoffend, dass sie irgendeinen Halt finden würden. Das Schlurfen ihrer Schritte und ihr hastiger Atem waren die einzigen Geräusche, die sie wahrnehmen konnte.

Sie hatte Durst und ihre Lippen schmeckten salzig und fühlten sich rau und aufgesprungen an. Wie lange hatte sie hier gelegen? Und wo war hier? Einige Schritte weiter stießen ihre zitternden Hände auf Widerstand. Sie ertastete Holz, Bretter womöglich, die an einer Wand befestigt waren. Auf ihnen befanden sich kalte, glatte Gegenstände, rund und vermutlich aus Glas. Ein gluckerndes Geräusch entstand, als sie einen davon anhob und sie bemühte sich, nicht darüber nachzudenken, was sich darin befinden mochte.

Langsam tastete sie sich nach rechts, Stück für Stück, ohne auf die Splitter zu achten, die das Holz in ihrer Haut hinterließ. Sie erstarrte in der Bewegung, als ein gleißendes Licht, das ohne Vorwarnung auf ihre Iris traf, sie blendete.

»Ach Omi, du sollst doch nicht alleine in den Keller gehen. Hast du etwa schon wieder vergessen, das Licht einzuschalten?«

 

Weitere Informationen zu Nadine Baumann findet ihr hier

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